Kennenlerntreffen „Agiles Lehren und Lernen“

Eine innovative Idee wie Agiles Studieren entwickelt sich fast immer in einem Kontext mit anderen Ideen. In diesem Sinne fuhr ich am 6. Juli 2017 in froher Stimmung zu dem ersten Kennenlerntreffen an die Stuttgarter Hochschule der Medien. Dort traf ich auf Menschen aus Schule, Verwaltung, Industrie und Hochschule, die sich ebenfalls mit diesem Themenfeld auseinandersetzen.

Der Vormittag war eher Erfahrungen aus dem schulischen und berufschulischen Kontext gewidmet. Hier wurden mir die Stärken des eduScrum-Ansatzes besonders bewusst. Den Bericht von Alisa Stolze zum Einsatz von eduScrum in der Ausbildung zum Maurer fand ich aus der Perspektive der Teambildung interessant. Nicht der (agile) Prozess steht im Vordergrund, sondern das Ergebnis. In diesem Fall das Lernen von handwerklichen Fähigkeiten, mitsamt Zusammenarbeit.

Ich habe mir viele Notizen gemacht:

  • LUUISE dient u.a. der Visualisierung von Lernfortschritten
  • Klären der Arbeitsschritte (beim Lernen) hilft
  • eduScrum mischt Schüler nach Fähigkeiten, 4-5 Schüler pro Team
  • Definition of Done: fertig und gelernt
  • Statt Scrum Master eine Art „Teamkapitän“
  • Den Team zeigen, wie weit die anderen Team sind
  • Bei Aufgaben Relevanz darstellen. Mehr „warum“ als „was“

Während der Mittagspause wurde mir ein wesentlicher Unterschied zwischen Schule / eduScrum und Hochschule / Agiles Studieren klar: die Beziehung zwischen Schüler und Lehrer gegenüber der von Student und Professor. Im Idealfall kennen sich Schüler und Lehrer schon vorher. Bei Studenten / Professoren ist das eher weniger der Fall. Etwas grob gesprochen können Schüler dem Unterricht nicht dauernd fernbleiben. An der Hochschule ist die Teilnahme meist freiwillig. An Hochschulen gibt es eher keinen Klassenverband. Studenten unterschiedlicher (Semester-) Jahrgänge nehmen gemeinsam an einer Veranstaltung teil. Diese Unterschiede sind gewollt und haben gute Gründe. Aus Schülern werden Studenten, die selbstständig arbeiten und die Konsequenzen ihres (Nicht-) Handelns abschätzen und tragen.

Der Nachmittag begann mit einer kleinen Einführung meinerseits in das Agile Studieren. Die anschließende Diskussion, die über alle Bereiche ging, machte mir einiges bewusst, gab mir Erkenntnisse und neue Fragen. Das wiederholte Feedback an die Studenten verhindert ein vorzeitiges Scheitern. In einer normalen Veranstaltung (z.B. Vorlesung) mit Klausur am Semesterende, hat jeder Student nur einen Versuch, der ggf. mit „mangelhaft“ benotet wird. Beim Agilen Studieren führt eine ungenügende Bearbeitung nur zu einem Feedback, von dem gelernt werden kann. Sofern geügend Zeit im Semester bleibt, kann der nächste Versuch gestartet werden. Bis man es verstanden hat. Und man den Inhalt in einer Prüfung (Klausur) formulieren kann.

Aber auch sonst gab die Diskussion einiges für mein Notizbuch:

  • Gruppenbildung: Coach hilft über die Stormingphase. Wie an Hochschulen?
  • Agil wg. „Industrie 4.0“, also auch die berufliche Weiterbildung agil?
  • Lernprozesse finden entfernt vom stabilen Zustand statt
  • Kleine Fehler einbauen, die nicht beim „Kunden“ auffallen
  • Sozialisation an Hochschulgewohnheiten durchs Agile Studieren?
  • Lehrerunabhängiges Lernen ?!

Insgesamt war es ein sehr lernreicher Tag, den wir zu Beginn des nächsten Jahres wiederholen wollen. So weit der Plan.

Gastbeitrag bei „Agile Verwaltung“

Vor einiger Zeit wurde ich von Thomas Michl gefragt, ob ich nicht einen einführenden Blogpost über das Agile Studieren im „Forum Agile Verwaltung“ (FAV) schreiben möchte. Das habe ich gerne getan und stelle ihn hier (dank der CC-Lizenz) in Kopie bereit 😉

Studieren ist auch Lernen

Lernen ist ein komplexer Vorgang, der besonders von Rückmeldungen profitiert. Ohne Rückmeldung weiß ich nicht, ob ich etwas angemessen „richtig“ erlernt habe oder ob ich mich gerade in eine dem Lernziel unangemessene, „falsche“ Richtung bewege. Auch wenn Lernen etwas Individuelles ist, so profitiert man von der Gruppe, in der man sich befindet. Durch eine Gruppe erhalte ich Rückmeldungen und kann selbst Rückmeldungen geben, vertiefe also das Gelernte.

Eine Lerngruppe bietet nicht nur Vorteile. Das Lerntempo der Gruppenmitglieder kann sich unterscheiden. Eine Gruppenmeinung kann individuelle Meinungen unterdrücken. Gruppenarbeit kann zeitaufwändig sein. Trotzdem lernen wir meistens in unserer Gruppe, sei es in einer Familie, in einer Klasse oder in einem anderen organisatorischen Umfeld.

Das Lernen im Studium folgt diesem Muster weniger. In Vorlesungen wird, über einen Zeitraum von 3-4 Monaten verteilt, der Lernstoff dargeboten. Studierende versuchen dies aufzunehmen, aber erst nach Ende der Vorlesungszeit wird dies überprüft. Ein „fehlerhaftes“ Lernen wird also erst spät erkannt und kann ggf. nur langwierig korrigiert werden. „Gastbeitrag bei „Agile Verwaltung““ weiterlesen

Zweite Förderung

Der letzte Post ist zwar schon etwas länger her, aber „Agiles Studieren“ wird weiterhin erfolgreich eingesetzt. Seit einiger Zeit gehen die Studierenden anders als ursprünglich geplant damit um. Das ist gut so, „agil“ ist ein Gegenteil von „starr“. Während in der Anfangszeit mehr nach Scrum vorgegangen wurde, hat es sich in ein Kanban-ähnliches Abarbeiten von Themen gewandelt. Dieses wollen wir näher untersuchen.

Heute erreicht mich die Nachricht, dass die Studienkommission für Hochschuldidaktik (in Baden-Württemberg) dies im Rahmen der Förderung innovativer Lehrprojekte (HUMUS) unterstützt. Darüber freue ich mich besonders und danke der Studienkommission für das Vertrauen. Mein Dank geht auch an das Prorektorat Studium und Lehre, sowie an den Hochschulbeauftragter für Didaktik für die Unterstützung beim Projektantrag.

Somit werden wir in diesem Jahr verstärkt die Eignung eines Kanban-ähnlichen Vorgehens für das Agile Studieren untersuchen und die notwendige Unterstützungssoftware daraufhin implementieren. Ergebnisse werden hier und offiziell im LehrForum.de veröffentlicht.

Nachtrag: WissensTransferCamp

Zwar ist es schon etwas länger her, aber trotzdem soll hier das WissensTransferCamp vom März 2014 nicht unerwähnt bleiben. Knapp 80 Teilnehmer trafen sich in Friedberg zu einem Barcamp, bei dem es um das Thema Wissensaustausch in allen Facetten ging. Für mich war es mein erstes Barcamp. Karlheinz Pape hatte mich, wohl als Reaktion auf den ersten Beitrag, darauf aufmerksam gemacht.

Natürlich waren klassische Wissenstransferthemen, wie Informelles Lernen, Kompetenzentwicklung und -management gut vertreten. Ich war aber überrascht, wie agile Methoden auf Resonanz stießen. In der Doppelsession „Lernende Teams“ gab es für die Teilnehmer eine praktische, informelle Einführung in agile Methoden. In anderen Sessions ging es um Retrospektiven oder Flipped Learning.

So hatte ich die Gelegenheit, in einer eigenen Session „Lernen mit agilen Methoden“ die grundlegenden Ideen zum agilen Studieren vorzustellen und mit den Teilnehmern zu diskutieren. Anschließend wurde ich noch von Karlheinz Pape kurz interviewt. Das Ergebnis kann auf Youtube oder Mixxt.de angeschaut werden.

Insgesamt war das WissensTransferCamp eine gute Möglichkeit zum praktisch orientiertem Austausch von Ideen zum Thema Lernen, egal ob persönliches Lernen oder Lernen im Unternehmen.

Kurzfeedback von Studierenden

Im Wintersemester 2013/14 haben wir die Teilnehmer des agilen Studierens aufgefordert, auf anonymen Wege Rückmeldung zu geben. Es hat ein wenig gedauert, aber ich möchte die Ergebnisse nicht vorenthalten.

Die Teilnehmer haben die Rückmeldungen an die studentischen Vertreter der Studienkommission unseres Studiengangs gesendet. Wir als Professoren kennen die Autoren nicht. Zur Veröffentlichung habe ich den Satzbau ein wenig lesbarer gestaltet, die eigentliche Aussage aber nicht verändert.

Dem agilen Studieren stand ich sehr kritisch gegenüber, jedoch haben sich meine Befürchtungen mit der Zeit widerlegt. Ich finde das neue System des Selbststudiums einfach klasse weil es einen zum kontinuierlichen Lernen „zwingt“.

Ich hoffe, es hilft auch für Fächer, die nicht nach diesem Modell vorgehen.

Agiles studieren ist vor allem für Fächer wie „Programmierung 2“  und „Web Engineering 2“ gut. Für „Statistik“ ist das für mich agiler Schwachsinn, aber der Professor improvisiert sehr gut.

Das Fach „Statistik“ besitzt einen wesentlich größeren Anteil an Studienthemen, die jeder Teilnehmer alleine bearbeiten soll. In anderen Fächern überwiegen Themen, die ein einzelner bearbeiten und dann der restlichen Gruppe erläutern kann. Wir beobachten das weiter.

Agiles Studieren war nett gemeint, um es mal auszuprobieren. Aber ich finde es nicht effektiv, meine Meinung.

Hmm, agiles Studieren soll effektiver als eine normale Vorlesung, ggf. mit Übungen, sein. Es wäre schön, wenn sich der Autor dieses Satzes uns seine Meinung begründet (gerne anonym über die studentischen Vertreter).

Finde ich super, ich folge in meinen Vorlesungen schon seit 3 Jahren auf diesem Wege. Auch wenn Studenten dies am Anfang doch ungewohnt und als schwierig/unsicher empfinden, zahlt sich das im späteren Moment aus. Das Problem stellt sich halt in der Anwesenheit seitens der Vorlesung, dies müsste man mit kleinen Vorprüfungen anpassen.

Agiles Studieren ist so angelegt, dass es effektives Arbeiten unterstützt. In diesem Sinne freuen mich die ersten zwei Sätze. Mit dem letzten Satz ist vermutlich gemeint, dass die ganze Gruppe anwesend sein muss und die Gruppenauswahl auf Basis der freien Zeiten erfolgen sollte. Das ist ein Punkt, den ich im nächsten Semester zur (an sich freien) Wahl der Studiengruppen ansprechen werde.

Ich bedanke mich bei den anonymen Studierenden für ihre Rückmeldungen und fordere die Studierenden dieses Semesters auf, uns ebenfalls Feedback zu geben. Schließlich ist es Ihr Studium.

 

Erste Förderung

Seit Ende Februar wird „Agiles Studieren“ durch die Studienkommission für Hochschuldidaktik (in Baden-Württemberg) im Rahmen des IQF-Projekts „Heterogenität als Chance“ gefördert. Zwar fällt die monetäre Förderung etwas geringer aus als beantragt, aber wir wollen uns nicht beschweren.

Im Gegenteil, wir sehen dies als Ansporn, agiles Studieren weiter zu entwickeln, es bekannter zu machen und die dadurch ausgelösten Lernprozesse (nicht nur bei den Studierenden) besser zu verstehen. Das Feedback, sei es über die Kommentarfunktion, über Twitter oder Google+ freut und ermuntert uns.

Nicht nur bei der Studienkommision möchten wir uns bedanken, sondern auch bei der „Assistenz“  im Prorektorat Studium und Lehre. Auf den letzten Drücker reichten wir in bester studentischer Manier unseren Antrag ein und Dank einiger unbürokratischer Aktionen kam dieser noch rechtzeitig bei der Studienkommission an. Danke!

Und nun wird gearbeitet.

Erfahrungen aus studentischer Sicht

Rebecca Lesiewicz, Studentin der Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Heilbronn, schreibt in einem Gastbeitrag über ihre Erfahrungen aus studentischer Sicht.


Ich muss sagen, dass ich am Anfang sehr skeptisch war und das agile Studieren als große zusätzliche Belastung empfunden habe. Zum Hintergrund muss ich wohl dazu sagen, dass ich auch im ersten Semester sehr viel Zeit für das Studieren investiert habe. Mein Mann sagt, ich bin mehr beschäftigt, als mit einem Vollzeit-Job. Das ist wohl in meinem Fall so. Ich nehme das Studieren sehr ernst, habe mich bewusst dafür entschieden und mir macht es auch Spaß.

Trotzdem empfand ich das agile Studieren am Anfang sehr anstrengend. Es hat einige Wochen gedauert, bis wir uns in unseren Gruppen zurecht gefunden haben und wir wussten, wie wir im jeweiligen Fach vorgehen sollten. Wie wir uns die Themen einteilen, damit wir alle Tickets bis zum Semesterende bearbeitet haben. Wir haben am Anfang zu viel gemacht und daher war da dann auch die Belastung sehr hoch. Nach einer gewissen Zeit hat sich dies aber eingespielt.

Ich war in allen drei Fächern beim agilen Studieren dabei, also sowohl in PM1, als auch in Programmierung 2 und Statistik. Die Zusammensetzung meiner Gruppe war in jedem der drei Fächer anders und wir sind auch in jedem Fach anders vorgegangen. In Statistik und Programmierung hat jeder alle Themen bearbeitet, bei Problemen haben wir uns innerhalb der Gruppe besprochen oder Hilfe vom Dozenten geholt. In Programmierung gab es ziemlich regelmäßig verschiedene Impulsvorträge und zum jeweiligen Sprint auf unsere Nachfrage einen grobem Überblick, was bei den ausgewählten Themen wichtig ist. In Statistik haben wir i.d.R. die Themen vorab selbst vorbereitet und dann aber nochmal vom Dozenten erklären lassen und alleine und gemeinsam in der ‚Vorlesung‘ Aufgaben gerechnet.

In Projektmanagement sind wir ganz anders vorgegangen. Wir waren 7 Studierende in dieser Gruppe. Wir haben die Anzahl der Tickets für jeden Sprint so gewählt, dass jeder pro Sprint 2-3 Tickets bearbeiten muss. In der ersten Sprintwoche hat dann jeder ’seine‘ Tickets bearbeitet (Recherche und Dokumentation), dann haben wir diese in der ‚Vorlesung‘ in der Gruppe besprochen und in der zweiten Woche hatte dann jeder Zeit, die Tickets der anderen noch einmal durchzuschauen.

Gerade in PM1 hatten wir dann am Ende aller Tickets alle Themen dokumentiert und da (fast) alle Themen vom Dozenten abgenommen waren, hatten wir eine gute Grundlage für die Klausurvorbereitung.

Wenn ich das jetzt mit SE1 für mich vergleiche, bin ich da ähnlich vorgegangen. Ich habe die Vorlesungen jede Woche nachbereitet und hatte somit auch eine gute Grundlage für die Klausurvorbereitung. Ich habe alle Übungen bearbeitet und die Literaturvorschläge durchgearbeitet. Für mich mit einem Unterschied, ich hatte in SE1 im Vergleich zu PM1 (beide Fächer finden beim selben Dozenten statt) die Einschätzung des Dozenten, die Kommentare zu den Themen. Ich konnte in SE1 besser einschätzen, was dem Dozenten evtl. wichtig ist und was nicht. Dies hat sich auch in meinen Noten gezeigt, auch wenn ich sehr zufrieden mit den Ergebnissen bin, ist meine Note in SE1 etwas besser, als in PM1.

In Statistik und Programmierung, wo es mehr Vorträge von den Dozenten gab – nachdem die Studierenden dies eingefordert hatten – konnte ich dies besser einschätzen.

Ich weiß nicht, warum wir als Gruppe in PM1 dies nicht genutzt haben. Es gab nicht viele Situationen, in denen wir die Hilfe des Dozenten eingefordert haben. Dies würde ich jetzt anders machen.

Im Großen und Ganzen hab ich mich mittlerweile mit dem ‚agilen Studieren‘ angefreundet. Die Vorteile lagen klar darin, dass wir die Themen so planen konnten, dass wir alle Tickets in allen drei Fächern schon einen Sprint früher fertig gestellt hatten, sodass wir früher mit der Wiederholung für die Klausuren beginnen konnten und von Anfang an einen besseren Überblick über den gesamten Lernstoff hatten. Dies war zwar am Anfang ein Riesenberg, aber wir wussten, was auf uns zu kommt.

Alle Studierenden, die jetzt nach uns zum ersten Mal ‚agil Studieren‘ kann ich nur empfehlen, die Hilfe der Dozenten einzufordern. Am besten gleich am Anfang die Einschätzung des Dozenten, wie man die Themen am sinnvollsten einteilt. Also welche Themen der Dozent zusammen bearbeiten würde und in welcher Reihenfolge. Dann auch innerhalb der Gruppe absprechen, wie man vorgehen soll, damit alle einverstanden sind und wissen, vorauf sie sich einlassen. Konsequente Treffen der Gruppe fand ich auch sehr wichtig. Auch da haben wir Absprachen getroffen, ob wir uns auch treffen, wenn wir nur zu zweit sind und was wir machen, wenn jemand krank ist und sein Thema nicht vorstellen kann usw. Das hat uns sehr geholfen innerhalb der Gruppe.

Ich hoffe, dass mein Erfahrungsbericht nachfolgenden Studierenden hilft, von Anfang an offener mit diesem Thema umzugehen und sich darauf einzulassen.

Erste Ergebnisse: Projektmanagement 1

Das Semester ist vorüber, die Klausuren sind geschrieben und bewertet. Zeit also, eine erste Bilanz auf Basis der Klausurergebnisse zu ziehen. In diesem Beitrag soll es um die Veranstaltung „Projektmanagement 1“ (PM1) gehen.

Rahmenbedingungen

Ich bewerte die Klausuren schon seit einigen Jahren quasi-anonym: auf den Klausuren steht nur die Matrikelnummer, ich erfahre erst bei der Eingabe der Noten, welche Person diese Bewertung erhalten hat.

Neben dem Fach PM1 unterrichtete ich im vergangenen Wintersemester zusätzlich das Fach „Software Engineering 1“ (SE1) für die gleiche Zielgruppe an Studierenden (2. Studiensemester), aber nicht nach der Methode „Agiles Studieren“, sondern wie in den vergangenen Jahren auch. Damit habe ich eine Kontrollgruppe.

In beiden Fächern habe ich die identischen Aufgaben wie vor einem Jahr gestellt. Die Bearbeitung der Aufgaben lässt darauf schließen, dass dies keiner der Studierenden groß gemerkt hat.

Warum vergleiche ich mit Klausuren, die vor einem Jahr geschrieben wurden? Es gibt eine Art saisonale Schwankung bei den Klausurergebnissen.  Statistisch gesehen schneiden Studierende, die ihr Studium in einem Wintersemester begonnen haben, im Mittel um ca. eine Teilnote besser ab. Dies bestätigen mir viele Kollegen in Gesprächen. Über die Gründe kann ich nur mutmaßen und möchte sie hier nicht vertiefen.

Bei der Veranstaltung SE1 gab es allerdings eine relevante Änderung zum Vorjahr. Ab diesem Wintersemester habe ich in allen Veranstaltungen darauf verzichtet, den Studierenden auf Basis von Arbeiten während des Semesters (zusammenfassende Präsentationen, Dokumentieren der Lernergebnisse in einem Wiki) sog. „Bonuspunkte“ zu gewähren. Der Grund war die Fixierung der Studierenden auf die Bonuspunkte und nicht auf die Inhalte. Daher vergleiche ich hier auch nur primär die erreichten Punkte in der Klausur. Die Bonuspunkte haben auf das Bestehen der Klausuren keinen Einfluss.

Trotzdem besitzen die Bonuspunkte einen vermuteten Effekt: die Studierenden werden während der Vorlesungszeit aktiviert, sich mit den Inhalten zu beschäftigen, die sie im Rahmen einer Kurzpräsentation zusammenfassen sollen. Diese Inhalte beherrschen die Studierenden vermutlich besser als der Durchschnitt.

Erwartungen

Dieser Effekt lässt sich mit einer anderen Klausur dieses Wintersemesters belegen: „Software Engineering 2“ (SE2), üblicherweise belegt durch Studierende des 3. Semesters. Zwar habe ich in diesem Fach nicht die identische Klausur wie vor einem Jahr schreiben lassen, der Inhalt war aber vom Schwierigkeitsgrad sehr vergleichbar. In SE2 sank die durchschnittlich erreichte Punktezahl um 5,1 Punkte gegenüber im Vorjahr (gleiche Anzahl an Klausuren). Das entspricht in etwa ein klein wenig mehr als einer Teilnote. In SE1 sank dagegen die durchschnittliche erreichte Punktzahl um 6,5 Punkte (49 Klausuren vor einem Jahr, 39 Klausuren in diesem Wintersemester), das entspricht eher 1,5 Teilnoten.

In allen Klausuren, auch PM1, konnten durch Bearbeitung der Klausuraufgaben maximal 90 Punkte erzielt werden.

Da es in PM1 in der Vergangenheit keine Bonuspunkte gab, hätte ich nur eine kleine Verringerung der durchschnittlich erreichten Punktzahl erwartet, wenn ich die Veranstaltung wie bisher durchgeführt hätte. Sprich: wenn sich die Ergebnisse von SE2 und SE1 auf PM1 hochrechnen lassen, wäre ein Absinken der durchschnittlich erreichten Punkte um 1,4 Punkte zu erwarten.

Was waren meine Erwartungen für das agile Studieren im Fach PM1? Ich habe meine Erwartungen nicht vorher öffentlich dokumentiert, um die Studierenden nicht zu beeinflussen. Meine Erwartung war, dass die Ergebnisse in etwa denen der vergangenen Jahre ähneln. Wer schon einmal an Änderungsprozessen beteiligt war, weiß, nach einer Änderung vieles erst einmal schlechter wird. Wenn alle Beteiligten die Änderungen wirklich akzeptiert haben, verbessern sich die Ergebnisse (idealerweise auch gegenüber dem Stand vor der Änderung).

In diesem Sinne ist meine Erwartung durchaus gewagt. Das Konzept ist neu. Keinem von uns Lehrenden war zu Beginn klar, ob wir es so umsetzen können, wie geplant war. Für die Studierenden bedeutete es eine erhebliche Umstellung. Da von keiner Verschlechterung auszugehen, ist wohl eher optimistisch.

Ergebnisse

Nachdem ich  (geschickt?) die Erwartungen gedämpft habe, will ich die Ergebnisse für PM1 darstellen.

Der Durchschnitt der erreichten Punkte ist um 0,2 Punkte gesunken. Das ist weniger, als wenn ich weiterhin konventionell vorgegangen wäre (klassische Vorlesung mit Übungen). Allerdings ist die Anzahl der Klausurteilnehmer bei PM1 von 50 im letzten Jahr auf 33 in diesem Wintersemester stärker gesunken als bei SE1 (nur 10 Teilnehmer weniger).

Die wesentlich geringere Anzahl an Klausurteilnehmern führe ich auf das agile Studieren zurück. Meine These: ca. 7 Studierende haben sich erst gar nicht zur Klausur angemeldet, weil sie durch das agile Vorgehen entsprechendes Feedback zu ihrem vermeintlich ungenügendem Wissensstand erhalten haben.

Sollte meine These stimmen, dann wäre der Durchschnitt der Punkte zu hoch. Hätte ich PM1 konventionell durchgeführt, hätten sich diese 7 Studierenden zur Klausur angemeldet.

Um eine sehr pessimistische Abschätzung für den nach meiner These zu hohen Durchschnitt zu erhalten, habe ich die sieben schlechtesten Ergebnisse dupliziert. Damit erhalte ich die erwarteten 40 Klausurteilnehmer. In diesem Fall sinkt die durchschnittlich erreichte Punktezahl um 3 Punkte (im Vergleich zum letzten Jahr).

In einem anderen Szenario hätten die fehlenden Klausurteilnehmer vergleichbare Ergebnisse erzielt, wie die Studierenden, die so gut wie nicht am agilen Studieren teilgenommen hatten. Da mir eine Monte-Carlo-Simulation zu aufwändig ist, habe ich die Ergebnisse der Studierenden, die nicht am agilen Studieren teilnahmen, aufsteigend sortiert und per Abzählverfahren jedes 10. Ergebnis verwendet, bis ich 7 Ergebnisse hatte. In diesem Fall sinkt der Punktedurchschnitt um 1,5 Punkte (im Vergleich zum letzten Jahr).

Für mich ergibt sich, dass das Vorgehen nach dem agilen Studieren meine Erwartungen erfüllt. Trotz der ganzen Änderungen in diesem Semester wurden von den Studierenden ähnliche Ergebnisse, wie bei einem konventionellen Vorgehen, erzielt.

Bestanden?

Eine gravierende Änderung zum Vorjahr lässt sich aus diesen Werten nicht herauslesen: die Verteilung der Punkte. Das Konzept der Standardabweichung lässt sich hier nicht anwenden, da die Punkteverteilung so gut wie nie einer Glockenkurve ähnelt.

Jetzt wird die Notenverteilung doch noch relevant. Ich habe die Klausur genauso bewertet wie vor einem Jahr. Bis auf eine Ausnahme ähnelt sich die Verteilung der Noten von vor einem Jahr mit der Notenverteilung in diesem Wintersemester. Es gibt eine geringe Zahl an Einsen, etwas mehr Zweien und noch mehr Dreien. Bei denen, die nicht bestanden haben, gibt es doppelt so häufig die Note „5+“, wie die Note „5“. Eine Note „4-“ ist an der Hochschule Heilbronn nicht vorgesehen. So weit, so normal.

Was aber auffällt, ist das fast völlige Fehlen der Note „4“. Hatte ich im Vorjahr diese Note zu ca. 20% vergeben, war es jetzt nur ein Mal. Ein „gerade mal so bestanden“ gab es in diesem Semester so gut wie nicht. Das spiegelt sich auch am Anteil der nichtbestandenen Klausuren wider: in diesem Jahr haben vom Anteil her doppelt so viele Studierende die Klausur nicht bestanden, wie im letzten Jahr.

Wie schon oben angedeutet, haben viele Studierenden nicht wahrnehmbar am agilen Studieren teilgenommen. Das entspricht der geringen Teilnahme an konventionellen Veranstaltungsformen. Darüber hatte ich schon in Die Idee geschrieben. Wie verteilen sich die Ergebnisse zwischen den aktiven und den „weniger aktiven“ Studierenden?

Im Unterschied zu einer Vorlesung, selbst wenn diese „seminaristisch“ ist, können wir Professoren beim agilen Studieren sehr gut nachvollziehen, wer aktiv mitarbeitet und wer eher Inhalte konsumiert oder gar passiv ist. Das sehr klare Ergebnis hat mich überrascht.

Jeder aktiv am agilen Studieren teilnehmende Studierende hat die Klausur bestanden, wirklich jeder.

Mich hat das auch deshalb überrascht, weil darunter Studierende sind, die die deutsche Sprache nicht so gut beherrschen.

Es gab eine Gruppe von Studierenden, die sporadisch und selten in einer Gruppe am agilen Studieren teilnahmen. Von diesen hat die Hälfte bestanden. Die beste Note war eine „3+“.

Bei der Gruppe der Studierenden, die kaum oder gar nicht wahrnehmbar am agilen Studieren teilnahmen, haben nur ein Drittel die Klausur bestanden. Auch hier war die beste Note eine „3+“.

Fazit

Wie bewerte ich diese Ergebnisse, auch wenn sie nur eine Momentaufnahme sind?

Zum einen bin ich froh, dass die Ergebnisse trotz der ganzen Änderungen vergleichbar zu früheren Jahren blieben. Der Punktedurchschnitt ist im erwarteten Rahmen, alle aktiven Studierenden haben die Klausur bestanden. Das Experiment muss nicht abgebrochen werden. Im Gegenteil.

Zum anderen bin ich fast erschrocken, wie sehr der (Lern-, Klausur-, …) Erfolg eines jeden einzelnen Studierenden von der eigenen Aktivität abhängt. Das bestätigt für mich die (Binsen-?) Weisheit, dass jeder Studierende für den eigenen Lernerfolg zuerst selbst verantwortlich ist.

Wie geht es weiter?

Ja, es geht weiter. Ich kenne die Detailergebnisse meiner Kollegen noch nicht und bin darauf sehr gespannt. Aus meiner Sicht deuten meine Ergebnisse das große Potential der Methode „agiles Studieren“ an.

Studienphase

Der Begriff „agil“ bietet sich als Projektionsfläche für viele Hoffnungen an. Es gibt keine allgemein anerkannte Definition, nur ein umschreibendes „agiles Manifest„. So kann sich jeder heraussuchen, was für einen selbst „agil“ sein soll.

Für uns ist die Idee der schnellen Rückmeldung besonders wichtig. Studierende sollen nicht erst am Ende des Semesters in Form einer Prüfung erfahren, wie weit sie die Lernziele erreicht haben. Uns ist wichtig, diese Rückmeldungen schneller zu geben.

Wenn Studierende in Gruppen Studienthemen bearbeiten sollen, wie schnell können wir Professoren eine Rückmeldung über den Lernerfolg geben?

Im Idealfall könnten die Studierenden sofort nach Bearbeitung eines Themas eine Bestätigung, eine Begutachtung, eine Ablehnung ihrer Arbeitsergebnisse erhalten. Das wäre weder praktikabel noch wünschenswert.

Eine sofortige Rückmeldung müsste automatisiert erfolgen, wir können (und wollen!) nicht unsere Zeit mit Warten auf Bearbeitungsergebnisse verbringen. Es ist nicht einfach, automatisierte Rückmeldungen so geben zu lassen, dass sie auf die Bedürfnisse der Gruppe eingeht.

Weiterhin bedeutet die Bearbeitung eines Themas nicht, dass es fertig bearbeitet wurde. Eine Nacht über ein Problem zu schlafen kann Wunder wirken. Die Lösung einer Aufgabe sollte in der Gruppe besprochen werden. Die Studierenden einer Gruppe müssen sich immer wieder neu organisieren. Mehrere Lösungen können miteinander verglichen werden. Themen stehen miteinander in Beziehung. Lernen braucht Rhythmus.

Dieses vertiefende Lernen ist unser Ziel.

Ein Semester dauert 14-15 Wochen. Wenn wir es schaffen, alle zwei Wochen einer Gruppe von Studierenden Rückmeldung über die bearbeiteten Themen zu geben, können wir dies 6-7 Mal tun. Schaffen wir es nur alle drei Wochen, sind nur 4 Rückmeldungen möglich. Also organisieren wir das Lernen in einen 2-Wochen-Rhythmus und nennen diese 2 Wochen „Studienphase“.

Jede Studienphase besteht aus mindestens zwei Präsenzterminen, pro Woche ein Termin. Dieser entspricht den früheren Vorlesungsterminen.

In der ersten Woche bespricht jede Gruppe die Rückmeldungen zu letzten Studienphase. Hierbei können studentische Coaches / Tutoren oder wir selbst helfen. Zum Beispiel, wenn die Rückmeldung inhaltlich nicht verstanden wurde oder die Gruppe anderer Meinung ist. Eine gut organisierte Gruppe wird versuchen, diese Besprechung vor dem Präsenztermin durchzuführen, aber nicht immer gelingt dies.

Wenn die Gruppen in der vorherigen Phase ähnliche Inhalte bearbeiteten, können Ergebnisse im Plenum vorgestellt und besprochen werden. Dies hängt aber auch von Themen, Gruppenanwesenheiten oder -befindlichkeiten ab.

Danach sollte sich die Gruppe kurz innehalten und gemeinsam besprechen, was in der vergangenen Studienphase gut gelaufen ist, was verbesserungswürdig wäre und was bemerkenswert war.

Diese drei Punkte können erst ab der dritten Woche durchgeführt werden. Inhaltlich gehören diese zur vorherigen Studienphase.

Die Studienphase beginnt mit einer Planung der Themen, die in dieser Studienphase bearbeitet werden sollen. Hierbei ist jede Gruppe frei in der Auswahl. Für jedes Fach gibt es eine bestimmte Anzahl an Themen, die im Semester bearbeitet werden sollen. Daher ist die Wahl der Themen nicht ganz frei. Jede Gruppe kann aber selbst entscheiden, in welcher Phase wie viele Themen bearbeitet werden sollen.

Unsere Aufgabe ist die Beratung zur Themenauswahl. Dies erfolgt entweder individuell für jede Gruppe oder gemeinsam für alle Gruppen. Je nach Stand der Gruppen kann dies auch bedeuten, dass wir einen kurzen Impulsvortrag halten. Ziel ist es, dass jede Gruppe für sich sinnvolle Themen auswählt.

Besitzt zum Beispiel ein Gruppenmitglied Vorkenntnisse zu einem Thema, so kann dieses Thema wahrscheinlich schneller bearbeitet werden. Das Gruppenmitglied unterstützt die Gruppe beim Lernen. Erscheinen die Themen überwiegend schwer, so sollten weniger Themen für die Studienphase ausgewählt werden. Alternativ kann der Kontakt zu anderen Gruppen gewählt werden.

Nach der Auswahl beginnt das Bearbeiten der Studienthemen, noch während des Präsenztermins. Hierbei entscheidet jede Gruppe, ob das Thema nur zeitgleich bearbeitet werden kann, oder, ob einzelne Gruppenmitglieder das Thema für sich bearbeiten und die Ergebnisse später den anderen vorstellen.

Während der ersten Woche sollten alle Gruppenmitglieder die Themen wie abgesprochen bearbeiten. Sinnvoll ist sicher, sich auch einmal außerhalb der Präsenzzeiten zu treffen.

Der Präsenztermin in der zweiten Woche wird genutzt, um den bisherigen Arbeitsstand abzugleichen und offene Fragen zu beantworten. Ziel ist es, in der zweiten Woche die Bearbeitung aller geplanten Studienthemen abzuschließen.

Was bedeutet „Bearbeitung abschließen“? Die Mehrzahl der Gruppenmitglieder muss explizit dokumentieren, dass sie meinen, dass Thema inhaltlich verstanden zu haben.

Damit wir den Gruppen Rückmeldung geben können, muss die Bearbeitung spätestens 24 Stunden vor dem Präsenztermin abgeschlossen sein. Bei vielen Gruppen, vielen Themen oder vollem Terminkalender möglicherweise auch 48 Stunden vorher.

Mit unseren Rückmeldungen schließt sich der Kreis.

Spätestens jetzt sollte einsichtig sein, weshalb Studienphase mindestens zwei Wochen dauern müssen.

Wer sich mit agilen Vorgehensmodellen etwas auskennt, wird die Ähnlichkeit zu einem „Sprint“ bei Scrum, inkl. Retrospektive sicher erkennen.

Zusammengefasst:

  • Lernen braucht Rhythmus und zügige Rückmeldung.
  • Eine Studienphase ist der von uns vorgegebene Lernrhythmus und dauert zwei Wochen.
  • Zu Beginn plant die Gruppe eigenverantwortlich die Studienthemen, die sie in der kommenden Phase bearbeiten möchte.
  • Wir unterstützen diese Planung durch Beratung und ggf. Impulsvorträge.
  • Jede Gruppe entscheidet, in welcher Organisationsform sie die Themen bearbeiten möchte.
  • In der zweiten Woche ist Zeit für Rückfragen und zum Abgleich.
  • 1-2 Tage vor Ende der Studienphase müssen bearbeitete Themen uns vorliegen, damit wir Rückmeldung geben können.
  • Die Rückmeldung wird besprochen und fließt in die nächste Studienphase ein.