Erfahrungsbericht Agiles Studieren im Fach Praxis der betrieblichen Informationssysteme

Nachdem ich nun schon einige Erfahrungen mit der Methodik Agiles Studieren sammeln konnte, ist es nun an der Zeit, einen weiteren Erfahrungsbericht zu schreiben. Erfahrung konnte ich mit der Methode nun in zwei Fächern, Programmieren und Praxis der betrieblichen Informationssysteme (PBI), sammeln.

Beide Veranstaltungen unterscheiden sich auf Grund ihrer Inhalte stark. Während Programmierung ein Fach mit hoher Methodenvermittlung ist, ist PBI eher ein Fach, bei dem vorhandenes Wissen übergreifend verknüpft werden muss. Durch die Änderung unserer Studienordnung wurde PBI als neues Fach aufgenommen. Dies ermöglichte mir, die Veranstaltung komplett neu zu konzipieren und gleich auf Agiles Studieren auszurichten. Bei der Planung der Veranstaltung habe ich mich entschlossen, die grundsätzlich in Programmierung angewandte Methode leicht abzuändern und diese in PBI anzuwenden.

Folgende Änderungen wurden im Vergleich zu Programmieren vorgenommen:

  • Reduktion der durchzuführenden Lernthemen (Lernstories), aber damit auch Erhöhung des Umfangs pro Lernstorie.
  • Keine Bereitstellung von Unterlagen in Form von PowerPoint Slides oder ähnlichem.
  • Änderung des Reviews von abfrageorientierter Überprüfung hin zu gemeinsamen Lösen von Problemfällen.
  • Ausrichtung der Klausur auf den Stil des Reviews.

Die Reduktion der Lernthemen konnte vorgenommen werden, da bei PBI im Vordergrund weniger die Vermittlung von neuen Wissen stand, sondern vielmehr das Fach dazu verwendet werden sollte, das monolithische Wissen aus Veranstaltungen der vorangegangenen Semester in diesem Fach miteinander zu kombinieren. Damit dienen die Lernthemen dazu, das individuelle Wissen einzelner Personen in der Gruppe aufzubereiten und miteinander ein übergreifendes Verständnis über betriebswirtschaftliche Informationssysteme zu schaffen. Ziel der Reduktion der Lernthemen war den Studenten, durch eine geringere Anzahl unterschiedlicher, kleinteiliger Lernstories mehr Freiraum für Gruppendiskussionen zu schaffen.

Die Entscheidung, keine Unterlagen, ja sogar keine Literaturangaben, für die einzelnen Lernstories bereitzustellen, basierte ebenfalls auf der Überlegung, dass bereits vorhandenes Wissen verknüpft werden sollte. Während der praktischen Arbeit zeigte sich aber, dass häufig Wissen nachgeholt werden musste, da der Lehrstoff aus vorangegangenen Veranstaltungen nur noch teilweise vorhanden war. Dadurch waren die Studenten bei einzelnen Lernthemen etwas verunsichert, da sie sich nicht sicher waren, ob Sie „die richtigen“ Informationen erarbeitet hatten. Eine Verbesserung wäre sicherlich, die Lernstories um mehrere Literaturangaben anzureichern.

Eine wesentliche Änderung für diese Veranstaltung war die Art wie der Review abgehalten wurde. Der Review in Programmierung glich einer Abfragerunde. Zufällig wurden aus den einzelnen Teams einzelne Personen ausgewählt und auf die Bearbeitung der Tickets geprüft. Diese Vorgehensweise diente vor allem dazu, den Studierenden einen Spiegel über den aktuellen Wissensstand zu zeigen. Leider hatte diese Vorgehensweise auch einen massiven Nachteil: Wurden die Themen schwieriger, nahm auch die Anzahl der Studierenden im Review ab.
Dementsprechend war ich der Meinung, man müsste den Review von einem negative behafteten Format, wie einer Abfrage, in ein Format bringen, dass der Klausur und der Gruppenarbeit ähnelt. Dementsprechend entschloss ich mich, den Review in Form einer virtuellen Unternehmensberatung aufzubauen. Zu jedem Review habe ich passend zu den bearbeiteten Lernstories der Teams einen vage formulierten Problemfall erstellt. Dieser Fall war immer in der Form „ein Mandant kommt zu Ihnen und hat folgendes Anliegen – Helfen Sie dem Mandanten!“ aufgebaut. Das eigentliche Problem war nicht wirklich benannt nur Hinweise auf mögliche Problemgebiete wurden in dem Fall angedeutet. Ziel des Reviews war es nun, mit den Studenten anhand eines Beratungsansatz eine Problemlösung herauszuarbeiten. Dabei wurde immer nach dem gleichen Schema vorgegangen:

  • Problemidentifizierung
  • Abholung des Mandanten über die Themen durch Definition der verwendeten Themen und Begriffe
  • Herausarbeiten eines Lösungsansatzes
  • Ausblick und Zusammenführung

Durch diese Gruppenarbeit hatte ich die Chance, alle Studierenden durch direkte Aufrufe mit einzubinden. Ergänzend konnte ich noch fehlendes Wissen platzieren, falls ich merkte, dass Wissenslücken vorhanden sind und förderte durch die offene Fragestellung die Anwendung von unterschiedlichem Domänenwissen und Erfahrungen der einzelnen Studierenden. Einen Anreiz an den Diskussionen teilzunehmen, versuchte ich dadurch zu setzen, dass die Klausur in dem gleichen Stil durchgeführt wurde und somit den Review auch als Klausurtraining diente. Diese Vorgehensweise führte dazu, dass in dem jeweiligem Review (alle zwei Wochen) eine große Anzahl Studierender anwesend war, auch die, die die Bearbeitung der Lernstories nur bedingt vornahmen.

Aus meiner Sicht ist es wichtig, in den Bachelor Studiengängen, nach einer gewissen Anzahl an Semestern, ein übergreifendes Fach in der Studienordnung zu etablieren, das das vermittelte Wissen aus vorangegangenen Veranstaltungen zusammenzieht und so ein übergreifendes, vernetztes Wissen bei den Studierenden schafft.

Diese Veranstaltungen sollten mit relativ wenig vordefinierten Lehrpfaden aufgebaut werden, da unterschiedlichstes Wissen der Studenten vorhanden ist und so die Lehr-/Lerngeschwindigkeit individuell angepasst werden muss.

Aus meiner Erfahrung bietet sich hier Agiles Studieren in der hier dargestellten Form an. Lassen die Studenten sich auf die Vorgehensweise ein, zeigt die Erfahrung aus den vergangenen Semestern, dass hiermit solides Transferwissen aufgebaut und geschaffen werden kann. Ob dies nachhaltig ist, muss sich noch zeigen.

Leider zeigen aber auch die durchgeführten Veranstaltungen, dass Studierende sich immer wieder nicht auf das Konzept einlassen.
Ich nehme an, dass dies dann vor allem daran liegt, dass eventuell zu wenig Vorwissen aus den vorangegangenen Veranstaltungen vorhanden ist und somit die Arbeitsbelastung enorm steigt. Ein weiterer Hinderungsgrund kann natürlich auch eine mangelnde Teamfähigkeit sowie ein mangelndes Verantwortungsbewusst sein.

Betrachtet man Agiles Studieren allgemein, bin ich auf Basis meiner Erfahrungen von drei Semester mittlerweile der Meinung, dass dies sehr gut bei Fächern mit hohem praktischen Übungsanteil, wie Programmieren oder bei Fächern bei denen übergreifendes Wissen in Form eines Austausches generiert werden muss, wie PBI, angewandt werden kann.