Erste Ergebnisse: Projektmanagement 1

Das Semester ist vorüber, die Klausuren sind geschrieben und bewertet. Zeit also, eine erste Bilanz auf Basis der Klausurergebnisse zu ziehen. In diesem Beitrag soll es um die Veranstaltung „Projektmanagement 1“ (PM1) gehen.

Rahmenbedingungen

Ich bewerte die Klausuren schon seit einigen Jahren quasi-anonym: auf den Klausuren steht nur die Matrikelnummer, ich erfahre erst bei der Eingabe der Noten, welche Person diese Bewertung erhalten hat.

Neben dem Fach PM1 unterrichtete ich im vergangenen Wintersemester zusätzlich das Fach „Software Engineering 1“ (SE1) für die gleiche Zielgruppe an Studierenden (2. Studiensemester), aber nicht nach der Methode „Agiles Studieren“, sondern wie in den vergangenen Jahren auch. Damit habe ich eine Kontrollgruppe.

In beiden Fächern habe ich die identischen Aufgaben wie vor einem Jahr gestellt. Die Bearbeitung der Aufgaben lässt darauf schließen, dass dies keiner der Studierenden groß gemerkt hat.

Warum vergleiche ich mit Klausuren, die vor einem Jahr geschrieben wurden? Es gibt eine Art saisonale Schwankung bei den Klausurergebnissen.  Statistisch gesehen schneiden Studierende, die ihr Studium in einem Wintersemester begonnen haben, im Mittel um ca. eine Teilnote besser ab. Dies bestätigen mir viele Kollegen in Gesprächen. Über die Gründe kann ich nur mutmaßen und möchte sie hier nicht vertiefen.

Bei der Veranstaltung SE1 gab es allerdings eine relevante Änderung zum Vorjahr. Ab diesem Wintersemester habe ich in allen Veranstaltungen darauf verzichtet, den Studierenden auf Basis von Arbeiten während des Semesters (zusammenfassende Präsentationen, Dokumentieren der Lernergebnisse in einem Wiki) sog. „Bonuspunkte“ zu gewähren. Der Grund war die Fixierung der Studierenden auf die Bonuspunkte und nicht auf die Inhalte. Daher vergleiche ich hier auch nur primär die erreichten Punkte in der Klausur. Die Bonuspunkte haben auf das Bestehen der Klausuren keinen Einfluss.

Trotzdem besitzen die Bonuspunkte einen vermuteten Effekt: die Studierenden werden während der Vorlesungszeit aktiviert, sich mit den Inhalten zu beschäftigen, die sie im Rahmen einer Kurzpräsentation zusammenfassen sollen. Diese Inhalte beherrschen die Studierenden vermutlich besser als der Durchschnitt.

Erwartungen

Dieser Effekt lässt sich mit einer anderen Klausur dieses Wintersemesters belegen: „Software Engineering 2“ (SE2), üblicherweise belegt durch Studierende des 3. Semesters. Zwar habe ich in diesem Fach nicht die identische Klausur wie vor einem Jahr schreiben lassen, der Inhalt war aber vom Schwierigkeitsgrad sehr vergleichbar. In SE2 sank die durchschnittlich erreichte Punktezahl um 5,1 Punkte gegenüber im Vorjahr (gleiche Anzahl an Klausuren). Das entspricht in etwa ein klein wenig mehr als einer Teilnote. In SE1 sank dagegen die durchschnittliche erreichte Punktzahl um 6,5 Punkte (49 Klausuren vor einem Jahr, 39 Klausuren in diesem Wintersemester), das entspricht eher 1,5 Teilnoten.

In allen Klausuren, auch PM1, konnten durch Bearbeitung der Klausuraufgaben maximal 90 Punkte erzielt werden.

Da es in PM1 in der Vergangenheit keine Bonuspunkte gab, hätte ich nur eine kleine Verringerung der durchschnittlich erreichten Punktzahl erwartet, wenn ich die Veranstaltung wie bisher durchgeführt hätte. Sprich: wenn sich die Ergebnisse von SE2 und SE1 auf PM1 hochrechnen lassen, wäre ein Absinken der durchschnittlich erreichten Punkte um 1,4 Punkte zu erwarten.

Was waren meine Erwartungen für das agile Studieren im Fach PM1? Ich habe meine Erwartungen nicht vorher öffentlich dokumentiert, um die Studierenden nicht zu beeinflussen. Meine Erwartung war, dass die Ergebnisse in etwa denen der vergangenen Jahre ähneln. Wer schon einmal an Änderungsprozessen beteiligt war, weiß, nach einer Änderung vieles erst einmal schlechter wird. Wenn alle Beteiligten die Änderungen wirklich akzeptiert haben, verbessern sich die Ergebnisse (idealerweise auch gegenüber dem Stand vor der Änderung).

In diesem Sinne ist meine Erwartung durchaus gewagt. Das Konzept ist neu. Keinem von uns Lehrenden war zu Beginn klar, ob wir es so umsetzen können, wie geplant war. Für die Studierenden bedeutete es eine erhebliche Umstellung. Da von keiner Verschlechterung auszugehen, ist wohl eher optimistisch.

Ergebnisse

Nachdem ich  (geschickt?) die Erwartungen gedämpft habe, will ich die Ergebnisse für PM1 darstellen.

Der Durchschnitt der erreichten Punkte ist um 0,2 Punkte gesunken. Das ist weniger, als wenn ich weiterhin konventionell vorgegangen wäre (klassische Vorlesung mit Übungen). Allerdings ist die Anzahl der Klausurteilnehmer bei PM1 von 50 im letzten Jahr auf 33 in diesem Wintersemester stärker gesunken als bei SE1 (nur 10 Teilnehmer weniger).

Die wesentlich geringere Anzahl an Klausurteilnehmern führe ich auf das agile Studieren zurück. Meine These: ca. 7 Studierende haben sich erst gar nicht zur Klausur angemeldet, weil sie durch das agile Vorgehen entsprechendes Feedback zu ihrem vermeintlich ungenügendem Wissensstand erhalten haben.

Sollte meine These stimmen, dann wäre der Durchschnitt der Punkte zu hoch. Hätte ich PM1 konventionell durchgeführt, hätten sich diese 7 Studierenden zur Klausur angemeldet.

Um eine sehr pessimistische Abschätzung für den nach meiner These zu hohen Durchschnitt zu erhalten, habe ich die sieben schlechtesten Ergebnisse dupliziert. Damit erhalte ich die erwarteten 40 Klausurteilnehmer. In diesem Fall sinkt die durchschnittlich erreichte Punktezahl um 3 Punkte (im Vergleich zum letzten Jahr).

In einem anderen Szenario hätten die fehlenden Klausurteilnehmer vergleichbare Ergebnisse erzielt, wie die Studierenden, die so gut wie nicht am agilen Studieren teilgenommen hatten. Da mir eine Monte-Carlo-Simulation zu aufwändig ist, habe ich die Ergebnisse der Studierenden, die nicht am agilen Studieren teilnahmen, aufsteigend sortiert und per Abzählverfahren jedes 10. Ergebnis verwendet, bis ich 7 Ergebnisse hatte. In diesem Fall sinkt der Punktedurchschnitt um 1,5 Punkte (im Vergleich zum letzten Jahr).

Für mich ergibt sich, dass das Vorgehen nach dem agilen Studieren meine Erwartungen erfüllt. Trotz der ganzen Änderungen in diesem Semester wurden von den Studierenden ähnliche Ergebnisse, wie bei einem konventionellen Vorgehen, erzielt.

Bestanden?

Eine gravierende Änderung zum Vorjahr lässt sich aus diesen Werten nicht herauslesen: die Verteilung der Punkte. Das Konzept der Standardabweichung lässt sich hier nicht anwenden, da die Punkteverteilung so gut wie nie einer Glockenkurve ähnelt.

Jetzt wird die Notenverteilung doch noch relevant. Ich habe die Klausur genauso bewertet wie vor einem Jahr. Bis auf eine Ausnahme ähnelt sich die Verteilung der Noten von vor einem Jahr mit der Notenverteilung in diesem Wintersemester. Es gibt eine geringe Zahl an Einsen, etwas mehr Zweien und noch mehr Dreien. Bei denen, die nicht bestanden haben, gibt es doppelt so häufig die Note „5+“, wie die Note „5“. Eine Note „4-“ ist an der Hochschule Heilbronn nicht vorgesehen. So weit, so normal.

Was aber auffällt, ist das fast völlige Fehlen der Note „4“. Hatte ich im Vorjahr diese Note zu ca. 20% vergeben, war es jetzt nur ein Mal. Ein „gerade mal so bestanden“ gab es in diesem Semester so gut wie nicht. Das spiegelt sich auch am Anteil der nichtbestandenen Klausuren wider: in diesem Jahr haben vom Anteil her doppelt so viele Studierende die Klausur nicht bestanden, wie im letzten Jahr.

Wie schon oben angedeutet, haben viele Studierenden nicht wahrnehmbar am agilen Studieren teilgenommen. Das entspricht der geringen Teilnahme an konventionellen Veranstaltungsformen. Darüber hatte ich schon in Die Idee geschrieben. Wie verteilen sich die Ergebnisse zwischen den aktiven und den „weniger aktiven“ Studierenden?

Im Unterschied zu einer Vorlesung, selbst wenn diese „seminaristisch“ ist, können wir Professoren beim agilen Studieren sehr gut nachvollziehen, wer aktiv mitarbeitet und wer eher Inhalte konsumiert oder gar passiv ist. Das sehr klare Ergebnis hat mich überrascht.

Jeder aktiv am agilen Studieren teilnehmende Studierende hat die Klausur bestanden, wirklich jeder.

Mich hat das auch deshalb überrascht, weil darunter Studierende sind, die die deutsche Sprache nicht so gut beherrschen.

Es gab eine Gruppe von Studierenden, die sporadisch und selten in einer Gruppe am agilen Studieren teilnahmen. Von diesen hat die Hälfte bestanden. Die beste Note war eine „3+“.

Bei der Gruppe der Studierenden, die kaum oder gar nicht wahrnehmbar am agilen Studieren teilnahmen, haben nur ein Drittel die Klausur bestanden. Auch hier war die beste Note eine „3+“.

Fazit

Wie bewerte ich diese Ergebnisse, auch wenn sie nur eine Momentaufnahme sind?

Zum einen bin ich froh, dass die Ergebnisse trotz der ganzen Änderungen vergleichbar zu früheren Jahren blieben. Der Punktedurchschnitt ist im erwarteten Rahmen, alle aktiven Studierenden haben die Klausur bestanden. Das Experiment muss nicht abgebrochen werden. Im Gegenteil.

Zum anderen bin ich fast erschrocken, wie sehr der (Lern-, Klausur-, …) Erfolg eines jeden einzelnen Studierenden von der eigenen Aktivität abhängt. Das bestätigt für mich die (Binsen-?) Weisheit, dass jeder Studierende für den eigenen Lernerfolg zuerst selbst verantwortlich ist.

Wie geht es weiter?

Ja, es geht weiter. Ich kenne die Detailergebnisse meiner Kollegen noch nicht und bin darauf sehr gespannt. Aus meiner Sicht deuten meine Ergebnisse das große Potential der Methode „agiles Studieren“ an.

Studienphase

Der Begriff „agil“ bietet sich als Projektionsfläche für viele Hoffnungen an. Es gibt keine allgemein anerkannte Definition, nur ein umschreibendes „agiles Manifest„. So kann sich jeder heraussuchen, was für einen selbst „agil“ sein soll.

Für uns ist die Idee der schnellen Rückmeldung besonders wichtig. Studierende sollen nicht erst am Ende des Semesters in Form einer Prüfung erfahren, wie weit sie die Lernziele erreicht haben. Uns ist wichtig, diese Rückmeldungen schneller zu geben.

Wenn Studierende in Gruppen Studienthemen bearbeiten sollen, wie schnell können wir Professoren eine Rückmeldung über den Lernerfolg geben?

Im Idealfall könnten die Studierenden sofort nach Bearbeitung eines Themas eine Bestätigung, eine Begutachtung, eine Ablehnung ihrer Arbeitsergebnisse erhalten. Das wäre weder praktikabel noch wünschenswert.

Eine sofortige Rückmeldung müsste automatisiert erfolgen, wir können (und wollen!) nicht unsere Zeit mit Warten auf Bearbeitungsergebnisse verbringen. Es ist nicht einfach, automatisierte Rückmeldungen so geben zu lassen, dass sie auf die Bedürfnisse der Gruppe eingeht.

Weiterhin bedeutet die Bearbeitung eines Themas nicht, dass es fertig bearbeitet wurde. Eine Nacht über ein Problem zu schlafen kann Wunder wirken. Die Lösung einer Aufgabe sollte in der Gruppe besprochen werden. Die Studierenden einer Gruppe müssen sich immer wieder neu organisieren. Mehrere Lösungen können miteinander verglichen werden. Themen stehen miteinander in Beziehung. Lernen braucht Rhythmus.

Dieses vertiefende Lernen ist unser Ziel.

Ein Semester dauert 14-15 Wochen. Wenn wir es schaffen, alle zwei Wochen einer Gruppe von Studierenden Rückmeldung über die bearbeiteten Themen zu geben, können wir dies 6-7 Mal tun. Schaffen wir es nur alle drei Wochen, sind nur 4 Rückmeldungen möglich. Also organisieren wir das Lernen in einen 2-Wochen-Rhythmus und nennen diese 2 Wochen „Studienphase“.

Jede Studienphase besteht aus mindestens zwei Präsenzterminen, pro Woche ein Termin. Dieser entspricht den früheren Vorlesungsterminen.

In der ersten Woche bespricht jede Gruppe die Rückmeldungen zu letzten Studienphase. Hierbei können studentische Coaches / Tutoren oder wir selbst helfen. Zum Beispiel, wenn die Rückmeldung inhaltlich nicht verstanden wurde oder die Gruppe anderer Meinung ist. Eine gut organisierte Gruppe wird versuchen, diese Besprechung vor dem Präsenztermin durchzuführen, aber nicht immer gelingt dies.

Wenn die Gruppen in der vorherigen Phase ähnliche Inhalte bearbeiteten, können Ergebnisse im Plenum vorgestellt und besprochen werden. Dies hängt aber auch von Themen, Gruppenanwesenheiten oder -befindlichkeiten ab.

Danach sollte sich die Gruppe kurz innehalten und gemeinsam besprechen, was in der vergangenen Studienphase gut gelaufen ist, was verbesserungswürdig wäre und was bemerkenswert war.

Diese drei Punkte können erst ab der dritten Woche durchgeführt werden. Inhaltlich gehören diese zur vorherigen Studienphase.

Die Studienphase beginnt mit einer Planung der Themen, die in dieser Studienphase bearbeitet werden sollen. Hierbei ist jede Gruppe frei in der Auswahl. Für jedes Fach gibt es eine bestimmte Anzahl an Themen, die im Semester bearbeitet werden sollen. Daher ist die Wahl der Themen nicht ganz frei. Jede Gruppe kann aber selbst entscheiden, in welcher Phase wie viele Themen bearbeitet werden sollen.

Unsere Aufgabe ist die Beratung zur Themenauswahl. Dies erfolgt entweder individuell für jede Gruppe oder gemeinsam für alle Gruppen. Je nach Stand der Gruppen kann dies auch bedeuten, dass wir einen kurzen Impulsvortrag halten. Ziel ist es, dass jede Gruppe für sich sinnvolle Themen auswählt.

Besitzt zum Beispiel ein Gruppenmitglied Vorkenntnisse zu einem Thema, so kann dieses Thema wahrscheinlich schneller bearbeitet werden. Das Gruppenmitglied unterstützt die Gruppe beim Lernen. Erscheinen die Themen überwiegend schwer, so sollten weniger Themen für die Studienphase ausgewählt werden. Alternativ kann der Kontakt zu anderen Gruppen gewählt werden.

Nach der Auswahl beginnt das Bearbeiten der Studienthemen, noch während des Präsenztermins. Hierbei entscheidet jede Gruppe, ob das Thema nur zeitgleich bearbeitet werden kann, oder, ob einzelne Gruppenmitglieder das Thema für sich bearbeiten und die Ergebnisse später den anderen vorstellen.

Während der ersten Woche sollten alle Gruppenmitglieder die Themen wie abgesprochen bearbeiten. Sinnvoll ist sicher, sich auch einmal außerhalb der Präsenzzeiten zu treffen.

Der Präsenztermin in der zweiten Woche wird genutzt, um den bisherigen Arbeitsstand abzugleichen und offene Fragen zu beantworten. Ziel ist es, in der zweiten Woche die Bearbeitung aller geplanten Studienthemen abzuschließen.

Was bedeutet „Bearbeitung abschließen“? Die Mehrzahl der Gruppenmitglieder muss explizit dokumentieren, dass sie meinen, dass Thema inhaltlich verstanden zu haben.

Damit wir den Gruppen Rückmeldung geben können, muss die Bearbeitung spätestens 24 Stunden vor dem Präsenztermin abgeschlossen sein. Bei vielen Gruppen, vielen Themen oder vollem Terminkalender möglicherweise auch 48 Stunden vorher.

Mit unseren Rückmeldungen schließt sich der Kreis.

Spätestens jetzt sollte einsichtig sein, weshalb Studienphase mindestens zwei Wochen dauern müssen.

Wer sich mit agilen Vorgehensmodellen etwas auskennt, wird die Ähnlichkeit zu einem „Sprint“ bei Scrum, inkl. Retrospektive sicher erkennen.

Zusammengefasst:

  • Lernen braucht Rhythmus und zügige Rückmeldung.
  • Eine Studienphase ist der von uns vorgegebene Lernrhythmus und dauert zwei Wochen.
  • Zu Beginn plant die Gruppe eigenverantwortlich die Studienthemen, die sie in der kommenden Phase bearbeiten möchte.
  • Wir unterstützen diese Planung durch Beratung und ggf. Impulsvorträge.
  • Jede Gruppe entscheidet, in welcher Organisationsform sie die Themen bearbeiten möchte.
  • In der zweiten Woche ist Zeit für Rückfragen und zum Abgleich.
  • 1-2 Tage vor Ende der Studienphase müssen bearbeitete Themen uns vorliegen, damit wir Rückmeldung geben können.
  • Die Rückmeldung wird besprochen und fließt in die nächste Studienphase ein.

Studienthema

In der Idee zum agilen Studieren hatte ich angedeutet, dass der gesamte Stoff in Studienthemen aufgeteilt wird. Was ist denn so ein Studienthema genau, wie groß ist es, wie wird es formuliert?

Menschen mit Erfahrung in agilen Vorgehensmodellen werden sicher ahnen, was ein Studienthema ist: eine User Story, abgewandelt für zu lernende Inhalte.

In der Softwareentwicklung sind User Stories eine Möglichkeit, um Anforderungen aus Sicht des Anwenders kurz aber präzise zu beschreiben. Die Zusammenfassung einer User Story erfolgt mit Hilfe einer Satzschablone:

Als <ROLLE> will ich <ZIEL>, um <NUTZEN>.

Dabei ist <ROLLE> die Rolle des jeweiligen Anwenders, <ZIEL> der Wunsch oder das Ziel dieses Anwenders und <NUTZEN> eine Begründung für diesen Wunsch. Zum Beispiel:

Als Autor will ich weitere Autoren eintragen, um nicht alles alleine schreiben zu müssen.

Zu einer User Story müssen darüber hinaus Kriterien aus Sicht des Anwenders angegeben werden, nach denen bestimmt wird, ob eine User Story vollständig umgesetzt wird (Akzeptanzkriterien). In einer allgemeinen Beschreibung einer User Story werden ggf. weitere Details angegeben, z.B. Prioritäten, Zeitverhalten, Designvorschläge. Manchmal wird der Nutzen nicht in der Zusammenfassung definiert, sondern erst in der Beschreibung.

Auf Basis dieser Informationen lässt sich das Schema für ein Studienthema ableiten: es gibt eine Zusammenfassung auf Basis einer Satzschablone, Kriterien, wann das Thema als bearbeitet gelten kann und eine Beschreibung mit zusätzlichen Informationen.

Das Satzschema für ein Studienthema ist etwas komplizierter. Die Rollenangabe kann entfallen, es lernt der Studierende, daher wird immer ein „Ich“ angegeben. Zur Angabe des Ziels greifen wir aus Vereinfachungsgründen auf die Einordnung von kognitiven Lernzielen nach Bloom zurück. Jedes Lernziel, das wir zugleich als Ziel eines Studienthemas auffassen, kann einer von 6 Kategorien zugeordnet werden. Die Kategorien bauen aufeinander auf. Jeder Kategorie sind Verben zugeordnet, die das Studienthema charakterisieren:

  1. Wissen: benennen, definieren, zeichnen, …
  2. Verstehen: begründen, erklären, erläutern, …
  3. Anwenden: auswählen, modellieren, ändern, …
  4. Analysieren: klassifizieren, unterscheiden, unterteilen, …
  5. Zusammenfügen: formulieren, implementieren, konstruieren, …
  6. Bewerten: beurteilen, in Beziehung setzen, zusammenfassen, …

Die Zuordnung der Verben zu den Kategorien ist nicht trennscharf, aber es ist meistens aus dem Zusammenhang klar, was gemeint ist. Natürlich gibt es ein Studienthema auf einer Meta-Ebene:

Ich verstehe die Bedeutung der Verben zum Thema "Studieren"

Als Akzeptanzkriterien geben wir meist Tätigkeiten an, welche die Studierenden durchführen und dokumentieren sollen. Die Beschreibung enthält Verweise auf Quellen, die von den Studierenden studiert (!) werden sollen. Das können auch Verweise auf unsere früheren Präsentationsunterlagen sein.

Studienthemen können darüber hinaus gruppiert werden, damit die Studierenden bei der Auswahl der Themen eine orientierende Struktur vorfinden. Bei den Themen zur Veranstaltung „Projektmanagement 1“ nutze ich z.B. eine Gruppierung auf Basis der 9 Wissensgebiete nach PMI.

Eine Dokumentation eines Studienthemas sieht dann so aus:

Ich kann den Prozess der integrierten Änderungssteuerung erläutern.

Kategorie: Integrationsmanagement

Quelle: Präsentation PM1-01, Seite 35-39
Erläutern Sie den Prozess mit eigenen Worten auf der Wiki-Seite "ÄnderungsSteuerung".

Es bleibt der Studiengruppe freigestellt, ob jedes Gruppenmitglied das Thema für sich bearbeitet, oder ob ein Mitglied das Thema bearbeitet und es anschließend den anderen Gruppenmitgliedern vorstellt.

Der Umfang eines Studienthemas variiert relativ stark. Für die Fächern „Programmierung 2“ und „Statistik“, beides Fächer mit 5 Credit-Points nach ECTS (entspricht 150 Stunden pro Semester), haben meine Kollegen etwas mehr als 50 Studienthemen formuliert. Einige davon sind optional. In „Projektmanagement 1“ habe ich dagegen etwas mehr als 100 Studienthemen angegeben, und das bei 2 Credit-Points (entspricht 60 Stunden pro Semester).

Diese Unterschiede spiegeln m.E. die fachlichen Anforderungen wieder. „Programmierung 2“ und „Statistik“ orientieren sich eher an den letzteren Kategorien der Taxonomie von Bloom. Selbst wenn ein Studierender z.B. die diversen Befehle einer Programmersprache kennt, kann sie/er noch lange nicht selbst Programme erstellen. Dadurch ist für einen Anfänger das Erstellen einfacher Programme eher zeitaufwendig. Das Fach „Projektmanagement 1“ soll dagegen den Studierenden einen Überblock über die zahlreichen Facetten des Projektmanagements geben. Für jede, aus meiner Sicht, relevante Facette habe ich ein Studienthema formuliert.

Die Idee

daskleineagilebuchEines schönen Tages las ich an einem Samstagnachmittag im Juni ein interessantes kleines Büchlein: „Das kleine Agile-Buch“ von Sander Hoogendoorn. In dem Buch geht um die Anwendung von agilen Methoden, nicht nur für Softwareentwicklungsprojekte.

Was sind agile Methoden? Da gehen die Definitionsversuche auseinander. Das „Manifest für agile Softwareentwicklung“ spricht von einer Bevorzugung von Individuen und Interaktionen gegenüber Prozessen und Werkzeugen. Andere definieren als eine Kombination von inkrementeller Entwicklung, Lernen und unmittelbarer Kommunikation.

Agile Methoden können für viele Bereiche eingesetzt werden, nicht nur für die Entwicklung von Software. Auf openPM wird zum Beispiel beschrieben, wie man das Familienleben mit agilen Methoden vereinfachen kann. Dotmocracy ist ein Versuch, mit agilen Methoden die Entscheidungen in großen Gruppen u.a. zur politischen Beteiligung durchzuführen.

Ich hatte nicht nur eduScrum im Hinterkopf, als ich twitterte: „Was wäre, wenn man Vorlesungen mit Hilfe von Scrum organisieren würde?“. Scrum ist eine der häufiger verwendeten agilen Methoden. Es entspann sich ein kleiner Dialog mit einem meiner Kollegen.

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Wir beide waren uns bei dem Mittagessen schnell einig, dass die üblichen „seminaristischen Vorlesungen“ für einige unser Fächer nicht adäquat sind. Im Gegenteil, wir hatten (und haben) das Gefühl, dass mit solchen Lehrformen nur relativ wenige Studierende erreicht werden. Von 45 Teilnehmern an einer solchen Vorlesung beteiligen sich vielleicht 5 Studierende intensiver. Der Rest hört entweder mehr oder minder aufmerksam zu oder nutzt den Zugang zum Internet für eigene Zwecke. Es soll sogar Studierende geben, die nur deshalb in die Hochschule kommen, um bei den eigenen Verwandten nicht als faul dazustehen.

Umgekehrt nehmen wir für uns nicht in Anspruch, die Vorlesungen optimal auf die Bedürfnisse für die Teilnehmer zuzuschneiden zu können. In vielen Fällen sind uns die Teilnehmer erst nach einigen Wochen etwas bekannter. In den bisherigen Jahren meiner Lehrtätigkeit habe ich immer wieder mit einzelnen Techniken experimentiert. Mal „funktionierte“ eine Technik in einem Semester für eine Vorlesung, im nächsten Semester wiederum nicht.

Die Qualität einer Lehrveranstaltung, definiert über das Lernen der Studierenden, ist abhängig von den Lehrenden und den Lernenden.

In diesem Sinne fragten wir uns, warum die Studierenden nicht selbst über ihren eigenen Lernfortschritt entscheiden sollten. In einer Vorlesung entscheidet der Lehrende mit Hilfe seiner Erfahrung und der (teilweise spärlichen) Rückmeldung der Studierenden über den Lernfortschritt.

Das individuelle Begleiten eines Studierenden beim Lernen ist für uns nicht möglich, wohl aber das Begleiten einer Gruppe von 5 bis 8 Studierenden. Für viele Lernende ist das Arbeiten in einer Gruppe von Gleichgesinnten einfacher als das einsame Lernen.

Die Idee nahm konkrete Formen an:

  • Auf Basis der Veranstaltungsbeschreibung erstellen wir für jedes Fach eine gewisse Anzahl von Studienthemen. Pro Vorlesungstermin ergeben sich 5 bis 10 solcher Studienthemen.
  • Jede Gruppe von Studierenden (Studiengruppe) wählt für eine Studienphase von 2 Wochen die Studienthemen aus, die sie bearbeiten möchte. Jedes Gruppenmitglied übernimmt die Verantwortung über einige dieser Studienthemen.
  • Wir beraten die Gruppen in der Auswahl der Themen. Je nach Bedarf erfolgt die Beratung gruppenindividuell oder für mehrere (bis: alle) Gruppen.
  • Auf Wunsch der Gruppen stellen wir die Themen detaillierter vor. Dies kann in Form einer Vorlesung erfolgen, oder auch auf eine gruppenindividuelle Art und Weise.
  • Nach den 2 Wochen stellen die Gruppen ihre Ergebnisse den anderen Gruppen vor.
  • Die nächste Studienphase beginnt.

Damit wandelt sich unsere Rolle von der eines „vorlesenden Edutainers“ in die eines Themenstrukturgebers und Lernbegleiters.

Diese Idee stellten wir unseren Kollegen im Studiengang vor. Alle waren interessiert, hatten aber schon teilweise eigene Planungen für das nächste Semester. Ein Kollege wollte (und konnte) das Konzept gleich mit ausprobieren.

Im Wintersemester 2013/14 begannen wir die Idee in den doch relativ unterschiedlichen Veranstaltungen „Statistik“, „Programmierung 2“ und „Projektmanagement 1“ umzusetzen.