Das Sommersemester 2020 war für uns alle recht außergewöhnlich. Nicht nur für die Mitglieder der Hochschule, sondern für die gesamte Gesellschaft. Man könnte auch sagen, wir alle seien aus der gewohnten Routine ausgebrochen.

Als am 12. März 2020 seitens meiner Hochschulleitung die Ansage kam, man möge doch zum 16. März auf eine reine Online-Lehre umzusteigen, sah ich darin auch eine neue Bewährungsprobe für das Agile Studieren. Wie würde sich der Wegfall der physischen Präsenztermine auswirken?

Um es vorweg zu nehmen: der Ersatz der physischen Präsenztermine durch Online-Veranstaltungen hat beim Agilen Studien wunderbar funktioniert. Ich musste didaktisch nichts umstellen, die Ergebnisse sind vergleichbar zu früheren Semestern.

Gruppeneinteilung

Hatten im letzten Semester sich 55 Studenten angemeldet (52 im vorletzten Semester), so waren es dieses Semester 86 Studenten. Davon waren knapp 20 Nachzügler, die sich erst ab der zweiten Wochen anmeldeten. Diese waren wohl vom sehr pünktlichen Beginn der Vorlesungszeit überrascht. Statt 8 Gruppen gab es nun 12 Gruppen zu betreuen.

Woher dieser Anstieg letztendlich kam, ist mir unbekannt. Offenbar ist die Anzahl der Studenten im 2. Fachsemester etwas gestiegen und vermutlich hat der einen oder andere Student im höheren Semester gemerkt, dass er dieses Fach noch nicht abgeschlossen hat (aka frühere Aufschieberitits). Aber das sind nur Vermutungen.

Wie im letzten Semester beschlossen, habe ich diesmal die Gruppeneinteilung aufteilt. Zum einen für die Studenten im 2. Fachsemester und zum anderen für die Studenten in höheren Semestern. Meine Hoffnung war, dass die Gruppen vom Arbeitsstil etwas homogener sein würden.

Dank der Software zur Gruppeneinteilung lief die eigentliche Einteilung sehr unkompliziert ab, obwohl wir uns weder in einem physischen Raum befanden, noch die Studenten mir anders als per Chat antworten konnten (die Online-Systeme der Hochschule waren erst nach einigen Wochen nutzbar). So wurden 43 Zweitsemester in 7 Gruppen eingeteilt, die 30 Studenten aus höheren Semestern in 5 Gruppen. Die Einteilung erfolgte nicht mehr auf Basis von individuellen Präferenzen, sondern über einen kleinen Persönlichkeitsfragebogen. (13 Studenten zogen es nach relativ kurzer Zeit vor, nicht mehr aktiv mitzuarbeiten, weshalb ich sie hier nicht mitzähle.)

Wie üblich war zu Beginn die kommunizierte Motivation groß.

Arbeit im Semester

Nachdem seitens der Hochschule die technischen Voraussetzungen für eine intensivere Online-Lehre geschaffen waren, konnte ich die Studenten besser betreuen.

Wie auch bei physischen Präsenzterminen war die aktive Teilnahme aber eher selten. Wie mir von einigen Studenten berichtet wurde, scheint dies im Online-Fall auch daran zu liegen, dass manche während der Präsenzzeiten ihre Hausarbeit erledigten, zum Beispiel indem sie bügelten.

Dies erklärt vielleicht auch die nominell recht hohe Anzahl von Teilnehmern. Durchschnittlich 50 Studenten nahmen pro Woche, d.h. 70% der beim Agilen Studieren aktiven Studenten (ggü. durchschnittlich 22 Studenten / 60% im letzten Semester). Die absolute Anzahl der auch im Online-Präsenztermin aktiven Studenten blieb in etwa gleich.

Trotzdem haben (fast) alle Gruppen beim Agilen Studieren gut mitgearbeitet. Von den 12 Gruppen haben 9 Gruppen mehr als 80% der Themen erfolgreich bearbeitet, zwei weitere Gruppen lagen bei etwas unter 70%, und nur eine Gruppe hat etwa nach einem halben Semester die Arbeit eingestellt. Im letzten Semester schafften nur 3 der 9 Gruppen mehr als 80% der Themen, die restlichen 5 Gruppen erreichten knapp 40-60%.

Ich führe das auf die homogeneren Gruppen zurück. Schon in der Diskussion mit den Gruppen, wie auch beim Lesen der Lösungsvorschläge, war wesentlich mehr Teamgeist zu erspüren als in früheren Semestern.

Meine Entscheidung, konsequent diejenigen, die nicht aktiv mitarbeiten, in eine eigene Gruppe zu übertragen, funktioniert weiterhin sehr gut. Ebenso konsequent, aber mit Augenmaß, bin ich bei der Bewertung von Lösungsvorschlägen vorgegangen, besonders bei formalen Problemen.

Gegenüber physischer Präsenz bietet die Online-Präsenz den Vorteil, sich einfacher mit einer einzelnen Gruppe zu unterhalten. Man weicht einfach in einen eigenen virtuellen Raum aus. Entsprechendes gibt es in der physischen Welt bei gegebener Anzahl von Räumen eher nicht.

Ergebnisse der Klausur

Wie in der Einleitung angedeutet, hatte ich mich auf die neue Bewährungsprobe für das Agile Studieren gefreut und habe mir auch ein Setup überlegt, wie man Änderungen zu physischen Präsenzterminen auch über die Klausur messen könnte. Auch, indem man eine identische Klausur stellt.

Mein Forschungssetting wurde etwas durch den Beschluss des Senats der Hochschule gestört, dass ein Nichtbestehen jeder Prüfung zu keinen Konsequenzen führt. Als dieses kommuniziert wurde, lies die Arbeit am Agilen Studieren spürbar nach. Das ist durchaus normal.

Zur Klausur haben sich schließlich etwas mehr als 100 Studenten angemeldet (65 im Vorsemester, passt grob vom Anteil her), davon waren zum Zeitpunkt der Klausur noch 93 angemeldet, 80 sind erschienen. Auch das passt in Relation zu den letzten Semestern. 38 Studenten haben die Klausur bestanden, also knapp 50%. Im letzten Semester haben etwas mehr als 40% der Studenten die gleiche Klausur bestanden.

Allerdings schwankt die Bestehensquote etwas zwischen Winter- und Sommersemester. Im Sommersemester ist sie immer etwas größer gewesen, als im Wintersemester. Das hängt vermutlich mit der etwas homogeneren Struktur der Studenten zusammen, die im Wintersemester ihr Studium beginnen (und im Sommersemester diese Klausur schreiben). Im Sommersemester vor einem Jahr war bei einer etwas anderen Klausur die Bestehensquote ebenfalls etwa 50%.

Allerdings waren damals die Gruppen weniger homogen eingeteilt, und umgekehrt die Klausur ob der äußeren Umstände etwas weniger stressig.

Die positive Korrelation zwischen der aktiven Teilnahme am Agilen Studieren und dem Ergebnis der Klausur hat sich bestätigt. Umgekehrt bleibt der größte Faktor für ein Nichtbestehen die fehlende aktive Mitarbeit über das gesamte Semester. Auch diese Erkenntnis bleibt unverändert.

Fazit

Agiles Studieren funktioniert auch unter den Bedingungen einer Online-Lehre gut. Das didaktische Konzept konnte beibehalten werden. Änderungen betrafen nur den Ablauf der (Online-) Präsenztermine.

Trotz der fehlenden Konsequenz bei Nichtbestehen der Klausur, blieben die Ergebnisse vergleichbar.

Diese Punkte sind erste Anhaltspunkte, dass Agiles Studieren auch für eine Fernlehre geeignet sein kann. Für andere Lernmethoden, wie Flipped Classroom oder eduScrum ist mir dies so nicht bekannt.

Die Entscheidungen, die ich für das Sommersemester getroffen hatte (u.a. getrennte Gruppeneinteilungen, auf Basis Fragebogen) haben sich bewährt.

Die kommende Vorlesungszeit wird wieder rein online angehalten werden. Natürlich mit weniger Überraschungen, hoffe ich. Alle Beteiligten hatten genügend Zeit, sich auf die geänderten Bedingungen einzustellen. In diesem Sinne bin ich auf die Ergebnisse der kommenden Wochen und Monate gespannt.