Retrospektive Wintersemester 2020/1

Auch im Wintersemester 201 wurde wieder rein online gelehrt und gelernt, nicht nur im Fach „Einführung in das Projektmanagement“. Wie schon im Sommersemester 20 konnte auch diesmal das Agile Studieren seine Leistungsfähigkeit unter den Bedingungen der Notfallonlinelehre zeigen.

Agiles Studieren setzt im Kern auf die Arbeit in Gruppen. Die Ergebnisse der Arbeiten können, insbesondere wenn sie verbesserungswürdig sind, sowohl in der Gruppe als auch im großen Plenum besprochen werden. Jede Gruppe entscheidet, wie ich als Professor sie am besten unterstützen kann. Natürlich kann eine Gruppe auch entscheiden, keine Hilfe in Anspruch zu nehmen oder sich mit anderen Gruppen abzustimmen.

Gruppeneinteilung

Wie schon im letzten Semester haben sich etwas mehr als 80 Studenten zum Agilen Studieren angemeldet. Wieder habe ich diese in 12 Gruppen eingeteilt, wieder mit Hilfe meiner sehr hilfreichen Software zur Gruppeneinteilung (als Open Source verfügbar), wieder aufgeteilt in Gruppen mit Studenten aus dem 2. Fachsemester und in Gruppen mit Studenten aus höheren Semestern.

Wie üblich war zu Beginn die kommunizierte Motivation groß.

Mich hat lediglich gewundert, dass nur etwa die Hälfte der Studenten, die im 2. Fachsemester sind, sich auch für das Agile Studieren anmeldete. Diese Studenten begannen ihr Studium im Sommersemester 20 unter den Bedingungen der Notfallonlinelehre, haben den Hochschulcampus nicht wirklich kennengelernt.

Arbeit im Semester

Wer dachte, das zweite Online-Semester würde einfacher werden als das erste, der sah sich getäuscht.Zwar war die notwendige technische Infrastruktur ausreichend, doch wurde eher wenig seitens der Studenten davon Gebrauch gemacht.

Zuerst manifestierte sich das in ausgeschalteten Kameras, nicht nur beim Agilen Studieren. Dieses Phänomen äußerte sich selbst in sehr interaktiven Projektstudien im Masterstudiengang. An technischen Problemen lag das laut Rückmeldungen nicht. Manchmal wurde etwas von Privatsphäre geäußert, die man per Kamera anderen Studenten preisgeben würde. Was da der wirklich tiefere Grund sein könnte, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.

Recht schnell nahm die Teilnahme am Online-Präsenztermin ab. Waren im Sommersemester im Durchschnitt 50 Teilnehmer dabei, nahm in diesem Semester die Zahl der Teilnehmer nach wenigen Wochen von 80 auf unter 20 ab. Lediglich zum Gastvortrag waren wieder 44 dabei. Das ist zwar immer noch mehr, als vor der Online-Lehre, aber doch überraschend.

Eine vermutete Erklärung wäre, dass parallel zum Online-Präsenztermin zwei Lehrveranstaltungen auf dem ersten Semester stattfanden, und zwar in Fächer, bei denen die Bestehensquote eher nicht so hoch ist. Das würde erklären, weshalb Studenten aus dem 2. Fachsemester wenig mit mir interagierten. Aber das ist nur eine Vermutung.

Insgesamt spiegelte sich die (relativ) geringe Beteiligung auch an den Ergebnissen der Gruppenarbeit wider. Es wurden weniger Themen bearbeitet, etwa so viel, wie vor einem Jahr. Auch wurde nicht so viel auf die Qualität geachtet, obwohl Qualitätsmanagement sowohl im Projektmanagement selbst eine zentrale Rolle spielt, wie auch in der Entwicklung von Software.

Zudem wollten diejenigen, die zum Online-Präsenztermin erschienen keine Übersichtpräsentationen von meiner Seite. Normalerweise ist das die Nachfrage wesentlich höher. Vielleicht erklärlich, wenn die Studenten im 2. Fachsemester tendenziell nicht dabei waren und die Studenten aus den höheren Semestern diese Präsentationen schon kannten.

Von meiner Seite hatte ich auch dieses Semester, wie schon im letzten Semester, mit zwei Problemen zu kämpfen.

12 Gruppen sind zuviel für einen Professor. Wenn die 12 Gruppen wirklich alle 14 Tage bis zu 30 Lösungsvorschläge übermitteln, dann ist man schnell für fast einen gesamten Tag mit der Bewertung beschäftigt. Und das trotz leistungsfähiger Software (ebenfalls als Open Source verfügbar). 360 Lösungsvorschläge und eine Minute pro Bewertung sind dann sechs Stunden. Das ist zuviel.

Zum anderen weisen viele Lösungsvorschläge so gravierende Qualitätsmängel auf, das diese die Gruppe beim Zustimmen hätte selbst entdecken können. Ein Student meinte einmal lapidar, warum er und die anderen vor dem Zustimmen lesen sollten, wenn ich als Professor das doch beim Bewerten sowieso machen würde. Mir blieb vor seiner Ehrlichkeit und dem fehlenden Lernbewusstsein die Antwort im Halse stecken.

Nachdem ich lange nachgedacht hatte, erkannte ich einige Stellschrauben, um die Probleme zu mindern.

Wer sagt denn, dass es immer 30 Lösungsvorschläge sein müssen, die eine Gruppe maximal in zwei Wochen zur Bewertung abgeben darf? Die Zahl 30 hatte ich ermittelt, da jede Gruppe im Durchschnitt 15 Themen erfolgreich bearbeiten muss, damit die Gruppe alle Themen im Semester erfolgreich bearbeiten kann. Und so habe ich frühzeitig kommuniziert, dass offensichtliche Qualitätsmängel, welche die Gruppen schon durch Lesen hätten selbst entdecken könnten, die Maximalzahl an Lösungsvorschlägen pro zwei Wochen vermindert.

Aktuell kennt die von mir entwickelte Software nur einen gemeinsamen Maximalwert für alle Gruppen. Damit würden die aufmerksamen Gruppen potentiell benachteiligt werden. In der Praxis war dies in diesem Semester nicht so. Es hat gereicht, die Zahl der Vorfälle alle zwei Wochen zu zählen und den Wert durch die Anzahl der Gruppen zu teilen, um einen Durchschnittswert zu ermitteln. Die Maximalanzahl an Lösungsvorschlägen pro zwei Wochen habe ich nach erfolgter Bewertung um den halben Durchschnittswert verringert. So wurden aus 30 schnell 24, dann 22, 20, 19 und zum Ende 18 Lösungsvorschläge, die eine Gruppe abgeben konnte. Die Qualität der Lösungsvorschläge hat sich gravierend verbessert.

Zum anderen werde ich ab dem nächsten Semester die Teilnehmer in maximal acht Gruppen pro Professor einteilen. Dabei kommen Studenten im 2. Fachsemester in potentiell kleinere Gruppen. Die Studenten aus höheren Semestern haben entweder das Fach „geschoben“ oder die Prüfung mindestens einmal nicht bestanden. Gerade letztere Entscheidungen und Ergebnisse führen zu so hohen Zahlen an Teilnehmern.

Der Studiengang hatte bis zum Wintersemester 40 Studienplätze. Seitens der Hochschule wurden im Sommersemester ca. 60 Studenten Aufgrund mir nur in Teilen nachvollziehbarer Entscheidungen wurde in diesem Wintersemester die Zahl auf 60 erhöht. Tatsächlich haben 80 Studenten im Wintersemester das Studium begonnen, werden also potentiell im kommenden Sommersemester am Agilen Studieren teilnehmen. Mich freut das Interesse am Fach Wirtschaftsinformatik. Dazu kämen diejenigen, welche die Prüfung nicht bestanden hätten. Das ergibt Zahlen an Teilnehmern, die ein Agiles Studieren, wie auch jede andere Form an interaktiver Lehrveranstaltung, schwieriger machen.

Aber vielleicht gibt es doch noch seitens der Stellen, welche die Entscheidung zur Erhöhung der Anzahl der Studienplätze getroffen und/oder welche viele zum Studium im Studiengang zugelassen haben, die Möglichkeit, durch finanzielle Mittel zwei parallele Lehrveranstaltungen anzubieten, um so die Gruppengröße nicht zu groß werden zu lassen. Die Hoffnung stirbt zuletzt, auch wenn meine eigenen Bemühungen zu negativen Ergebnissen geführt haben.

Agiles Studieren skaliert mit der Anzahl der Teilnehmer. Man benötigt „nur“ pro 60 Studenten einen Professor bzw. ggf. Lehrbeauftragten.

Ergebnisse der Klausur

Der Konjunktiv am Ende des drittletzten Absatzes deutet es an: es gab keine Klausur, es gab keine Prüfung. Die Präsenzprüfungen sind auf einen Zeitraum Anfang Mai 21 verschoben worden. Das ist für viele nicht angenehm, aber auf jeden Fall besser, als die Klausur stattfinden zu lassen.

Für die Klausur haben sich 100 Studenten angemeldet. Bei der gegebenen Infrastruktur läuft diese Anzahl auf eine Präsenzklausur hinaus. Im Unterschied zu Universitäten arbeiten an Hochschulen vernachlässigbar wenige wissenschaftliche Mitarbeiter, die auch inhaltlich unterstützen können. Übrigens auch bei einer parallelen Durchführung einer Lehrveranstaltung, siehe oben. Zudem leisten Professoren grob den doppelten Lehrumfang wie die Kollegen an Universitäten, müssen also (grob) doppelt so viele Fächer prüfen. Tatsächlich haben sich in einem anderen Fach ebenfalls ca. 100 Studenten zur Klausur angemeldet. All das könnte man ändern, aber nicht in diesem oder nächsten Semester, wenn überhaupt.

Genug des Jammerns, die Situation ist wie sie ist.

Ich habe mir lange überlegt, welche alternativen Prüfungsformen ich statt einer Klausur anbieten könnte. Dabei muss ich die zu prüfenden Kompetenzen ebenso berücksichtigen, wie die notwendigen Vorbereitungen und ein anderes Lernen der Studenten. Bei jeder Änderung einer Prüfungsform gewinnen einige, während andere es schwerer haben. Zudem muss eine Prüfungsinfrastruktur vorhanden sein, auch bei den Studenten.

Da so viele im Semester ihre Kamera nicht eingeschaltet hatten, war für mich zum Beispiel frag-würdig, ob eine Klausur online durchgeführt werden kann. Nach einem kleinen Test kam heraus, dass viele Studenten Probleme haben, ihre Kamera über einen etwas längeren Zeitraum überhaupt störungsfrei zu betreiben.

Eine mündliche Online-Prüfung hätte für die 200 Studenten (100 für dieses Fach, 100 für das andere) etwa zwei Wochen gedauert. Das ist die Erfahrung aus dem letzten Semester. Der Prüfungszeitraum dauert drei Wochen und ich hatte noch Prüfungen aus fünf anderen Fächern.

Eine Benotung auf Basis der Gruppenarbeiten hätte zu Beginn angekündigt werden müssen, führt aber sowieso nicht zu individuellen Noten (eine Vorgabe der Prüfungsordnung).

Und so weiter und so fort.

Bis mir klar geworden ist, dass ich selbst diese Situation nicht herbeigeführt habe, mir aber nahegelegt wird, dass ich diese Situation aber tendenziell alleine lösen soll. Natürlich könnte ich den heldenhaften Professor spielen, der sich für seine Studenten und im Kampf gegen verwaltungstechnische Widrigkeiten aufopfert. Aber warum sollte man das tun? Dank darf man nicht erwarten, kommt auch sehr selten vor.

In einem früheren Leben als Leiter einer Softwareentwicklung (und noch früher in meiner Tätigkeit als Berater für Softwareentwicklungsprozesse) habe ich gelernt, nicht zu inkompatibel zu meiner Umgebung zu werden. Was hilft es, wenn man Datenmodelle innerhalb von Stunden bis hinunter zur Datenbank ändern kann, wenn die eigentliche Abteilung für die Datenbanken dazu immer sechs Monate benötigt? (Ist tatsächlich so passiert, wenn auch noch im Jahre 2002).

Auch hier: was hilft es, eine Klausur in eine andere Prüfungsform umzuwandeln, inklusive aller Anpassungen an die Lehrveranstaltung selbst und unter Berücksichtigung aller Stakeholder (da gibt es viele!), wenn in der gesamten Hochschule trotzdem jede Menge Klausuren geschrieben werden hätten sollen und die nun alle in den Mai verschoben werden?

Oder: warum soll ich die Prüfungsform wandeln, wenn viele Studenten laut eigener Aussagen sowieso nicht das Bedürfnis zur Vorbereitung verspüren, da ein Nichtbestehen keine Konsequenzen hat?

Ich engagiere mich für jeden Studenten, der sein Wissen und seine Fähigkeiten vertiefen will. Ich könnte mir mein Leben als Professor an einer Hochschule sehr einfach machen, nur auf eine althergebrachte Art und Weise lehren und Kritik von außen ignorieren. Ich könnte, wie viele, die Lehre an sich ignorieren und mich allein auf Forschung konzentrieren. Statt dessen versuche ich mir für jeden Studenten Zeit zu nehmen, wenn diese sich verbessern möchte.

Aber, ich kann nicht jedes Problem mehr oder minder alleine lösen. Natürlich gibt es Unterstützung seitens des Studiengangs und der Fakultät. Aber letzten Endes muss man Probleme alleine lösen. Und in diesem Fall sind es Probleme, die nicht ich verursacht habe.

Ich konzentriere mich auf das, was ich ändern kann und lasse alles andere diejenigen ändern, die es können. In diesem Beispiel habe ich alles an die Hochschule delegiert.

Ausblick

Auch das nächste Semester wird wohl rein online stattfinden. Darauf können und sollten sich alle einstellen. Vielleicht sollte sich der eine oder die andere überlegen, es doch einmal mit der eingeschalteten Kamera zu probieren. Auch wenn man dann einen Teil seines Zimmers aufräumen oder abhängen muss. Ein Toncheck ist sicher ebenfalls nicht verkehrt, wie auch ein Ersatzcomputer, z.B. ein Tablet.

Jenseits aller aktuellen und kommenden Probleme sehe ich Agiles Studieren als eine sehr sinnvolle Alternative zu traditionellen Vorlesungen an, selbst wenn diese interaktive Elemente enthalten sollten.

Agiles Studieren skaliert auch zwischen Online und Präsenz. Sollte zum Beispiel im kommenden Sommersemester sich die Situation so entspannt haben, dass von einer Woche auf die nächste wieder „echte“ Präsenzveranstaltungen möglich sind, so ist das fürs Agile Studieren kein Problem. Dann treffen wir uns in einem Vorlesungsraum und nicht im Konferenzsystem.

Ich selbst bin gespannt, wie alles mit den zu erwartenden Anzahlen an Teilnehmern klappt. 80 Studenten im 2. Fachsemester treffen ab Anfang März dann auf ca. 100 Studenten, die ihre Klausur im Mai schreiben. Zusätzlich kommen noch die Studenten aus dem jetzigen 2. Fachsemester dazu, die dieses Mal nicht am Agilen Studieren teilnahmen. Geschätzt sind das weitere 30 Studenten.

Aber darüber habe ich mir schon Gedanken gemacht.